Crowdfunding in Deutschland

Crowdfunding in Deutschland = Spiel mit dem Feuer?

Was man vor dem Start eines Crowdfunding-Projekts beachtet sollte,
damit die Steuerfalle nicht zuschnappt.

 

Es hört sich zunächst prima an: Grandiose Produktidee mangels Eigenkapital durch Crowdfunding finanzieren statt sich Absagen bei Banken & Investoren abzuholen.

! Aktualisierung !

In unserem Fall konnten wir im Oktober 2017 vor dem Finanzgericht Münster zu einer Einigung mit dem hiesigen Finanzamt Gütersloh kommen: Unsere Crowdfunding-Einnahmen wurden wie von uns gefordert als Vorbestellungen gewertet und die Besteuerung erfolgte rückwirkend erst zum Auslieferungszeitpunkt. Dadurch entfiel die ursprünglich geforderte hohe Besteuerung im Vereinnahmungsjahr und insbesondere die (nicht erstattungsfähige) Gewerbesteuer entfiel. Auch wenn eine Signalwirkung für ähnliche Fälle bestehen könnte, ist dies kein Freifahrtschein, da eventuell jeder Fall gesondert zu betrachten ist (am besten vorab mit dem Finanzamt klären).  

Dank Kickstarter, Indiegogo & Co kann das heutzutage mithilfe der "Crowd" tatsächlich funktionieren, wenn die Idee überzeugend präsentiert wird und das Gesamtpaket stimmt- aber dank einer kaum nachvollziehbaren Einstufung durchs Finanzamt kann sich ein Crowdfunding Projekt in Deutschland schnell zum steuerlichen Bumerang entwickeln.

Wir haben mit unserem Projekt Magnic Light (https://www.kickstarter.com/…/magnic-light-get-…/description , sowie zweitem Projekt https://www.kickstarter.com/projects/dynamodirk/magnic-light-ic-intelligent-contactless-bicycle-dy ) einen jahrelangen Streit mit der zuständigen Finanzbehörde hinter uns, der reichlich Nerven, Zeit & Geld gekostet hat und trotz des für uns letztendlich guten Ausgangs nach Auffassung des Finanzamts weiterhin Spielraum lässt, andere deutsche Crowdfunding-Projekte steuerlich zu schröpfen.


Da es mittlerweile eine mindestens 4-stellige Anzahl deutscher Crowdfunding Projekte gibt (allein auf Kickstarter derzeit über 2500 deutsche Projekte, von denen 42 die 100.000 USD Marke und 164 die 20.000 USD Marke überschritten haben), die möglicherweise noch gar nicht wissen, was noch auf sie zukommen kann, wollen wir hier den aktuellen Stand der Dinge (aus unserer Sicht) mitteilen. Vielleicht lässt sich der eine oder andere Ruin damit vermeiden.

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Worum gehts?
Einfach gesagt darum, dass das Finanzamt (zumindest das in Gütersloh) mehr und vor allem früher Steuern von Crowdfunding-Firmen kassieren möchte, als das auch ausgewiesene Steuerexperten für möglich halten.

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Crowdfunding Einmaleins:

  • - Unterstützer zahlen Geld und erhalten zu einem späteren Zeitpunkt eine Gegenleistung (im Normalfall das im Projekt präsentierte Produkt) vom "Crowdfunder" (das ist zumindest bei rewardbasiertem Crowdfunding so, was auf über 90% der Projekt zutreffen dürfte)
  • - Mit dem eingenommen Geld finanziert der Crowdfunder seine Idee und die Produktion und den Versand der Produkte.
  • - Innerhalb der EU ist Umsatzsteuer für die versandten Produkte zu entrichten (vom Crowdfunder)- außerhalb der EU muss der Unterstützer mit Zollgebühren rechnen.
  • ! Hoffe nicht darauf, ohne Umsatzsteuerzahlung durchzukommen- ansonsten drohen hier später saftige Nachzahlungen (Bitte 17500 € Freibetrag und §19 UstG beachten).
  • - Sollten nach Abzug sämtlicher Produktionskosten (und der Umsatzsteuer) NACH Versand der Produkte tatsächlich noch Gewinne übrig bleiben, ist das für ein Start-Up bemerkenswert und man könnte meinen, dass für diese Gewinne "nur" die üblichen Ertragssteuern anfallen (Gewerbesteuer + Körperschaftssteuer bei Unternehmen bzw. Einkommenssteuer bei Personen). Geht es jedoch nach dem Finanzamt Gütersloh sind sämtliche Aufwendungen für die Auslieferung, die nicht in das Jahr der Crowdfunding-Einnahme fallen nicht abziehbar und somit der Großteil der Crowdfunding-Einnnahme zunächst VOLLSTÄNDIG als Gewinn zu besteuern! Auch die Bildung von Rückstellungen für die Produktion lässt das Finanzamt nicht einmal für eine deutsche GmbH mit Bilanzierung zu.
  • Erfahrungsgemäß schaffen es die meisten Crowdfunder nicht, ihre Produkte im gleichen Jahr auszuliefern- insbesondere, wenn das Projekt gegen Jahresende durchgeführt wurde.

Natürlich erhält man zu einem späteren Zeitpunkt eine Steuergutschrift, für die anfallenden Kosten in dem(n) Folgejahr(en) ABER
- die einmal entrichtete Gewerbesteuer (bei 6-stelliger Crowdfunding-Summe ein mittlerer 4-stelliger Betrag) gibts nicht zurück
- bis zum Zeitpunkt der Erstattung/Gutschrift muss der Crowdfunder die Ertragssteuer über ein oder mehrere Jahre vorstrecken, was in vielen Fällen das vorzeitige Ende bedeuten dürfte (so sieht Gründungsförderung hierzulande aus).

Unterm Strich bedeutet das eine extreme Benachteiligung gegenüber einer "normalen" Vorbestellung mit Vorauszahlung, bei der erst mit Auslieferung der Ware die Gewinnrealisierung vorliegt und entsprechend besteuert wird.
(Beispielsweise erhalten Firmen oft mit Auftragserteilung eine Vorauszahlung für die Produktion, die im Auftragsjahr nicht als Gewinn in die Bücher geht, wenn die Auslieferung im Folgejahr liegt - zumindest sollten Rückstellungen gebildet werden können, die für die Gewinnermittlung steuermindernd abziehbar sind).

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Wie lautet die Begründung?

Hier ein Auszug aus der ursprünglichen und inzwischen nur in unserem Spezialfall gekippten Entscheidung des Finanzamts Gütersloh - Meine Kommentare in Klammern []:

[Zunächst der Sachverhalt]
Streitig ist, wann die im Rahmen von Crowdfunding eingezahlten Beträge als Betriebseinnahmen zu erfassen sind.
...
Bei den vereinnahmten Crowdfundingbetrrägen handelt es sich nach Ansicht des Projektgründers um Anzahlungen. Die Auslieferung der Produkte sei erst im Folgejahr erfolgt, so dass auch die Einnahmen erst im Folgejahr zu
erfassen seien. Die entstandenen Kosten des Wareneinkaufs seien als Vorräte aktiviert worden. Einnahmen und Ausgaben seien gleichlautend im Folgejahr zu berücksichtigen.

[Nun die ursprüngliche Entscheidung]
Die Crowdfundingbeträge wurden zutreffend als Betriebseinnahmen im Vereinnahmungsjahr sowie als Besteuerungsgrundlage des Gewerbesteuermessbetrages berücksichtigt.
Der Gewerbesteuermessbetrag wird auf ...festgesetzt. Im Übrigen werden die Einsprüche als unbegründet zurückgewiesen.

...
[Begründung]
Soll der Zahlungsempfänger mit dem Geldbeitrag nur unterstützt werden, damit er seine unternehmerische Tätigkeit überhaupt ausüben kann, fehlt es an der erforderlichen Verknüpfung zwischen einer Leistung an den Zahlenden und der Zahlung (BFH 22.07.1999, V R 74/98).
[Eine bereits agierende Firma dürfte hier leichter durchkommen, als ein Start-Up, dass einen Teil der Einnahmen zum Aufbau der Firma verwenden möchte.]

Echte Zuschüsse liegen deshalb insbesondere vor, wenn die mit dem Zuschuss zu fördernde Tätigkeit des Zahlungsempfängers sich nicht als konkretisierbarer Vorteil an einen individualisierbaren
Leistungsempfänger darstellt.
....
Wird eine Zahlung zu einem Zeitpunkt vereinbart, zu dem noch keine konkrete Leistungsvereinbarung vorliegt, ist zu prüfen, ob die Zahlung als Kreditgewährung oder als eine Anzahlung auf eine künftige
Leistung zu bewerten ist. Entscheidend ist, ob im Zeitpunkt der Zahlung die Leistung nach Art, Umfang und Zeitpunkt zumindest bestimmbar ist.
Es muss sich nach der mit der Zahlung verbundenen Zielrichtung um eine die konkrete spätere Leistung ganz oder teilweise abgeltende Entgeltzahlung handeln.
Hierfür genügen z. B. pauschale Vorauszahlungen nicht, wenn zum Zahlungszeitpunkt noch gar nicht feststeht, ob überhaupt, wann und wo eine konkrete Leistung in Anspruch genommen und erbracht
werden soll.

[Vorsicht: Der letzte Satz bezieht sich aufs Crowdfunding und unterstellt, dass die Leistungserfüllung (Auslieferung) beim Crowdfunding zwar möglich aber beliebig ist- siehe unten:]

Beim Crowdfunding handelt es sich in der Regel um einen Leistungsaustausch, nämlich eine Zahlung gegen das Versprechen ein bestimmtes Projekt zu realisieren.
Da es das Ziel der meisten Crowdfunding-Projekte ist, sich anders nicht finanzierbare Projekte bezahlen zu lassen, wird von einem Untemehmer eine Leistung gegen Entgelt erbracht.
Mit der Geldlhingabe gewähren die Investoren einen unechten Zuschuss, der erst eine Sachleistungsverpflichtung auslöst, nachdem die Bedingung (lnvestitionssumme) erreicht ist.
Als die lnvestitionssumme erreicht und die Produktion starten konnte, bestand die Verpflichtung, die zugesagten „Rewards" zu erfüllen.
Von geleisteten Anzahlungen ist nicht auszugehen, da die Zahlungen ohne feststehende Verbindlichkeiten sowie einer Übereignungsverpflichtung geleistet wurden.
Die Investoren haben mit ihren Zahlungen keinen einklagbaren Anspruch auf eine bestimmte Leistung erwirkt.

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Was passierte dann?

Wir haben gleichzeitig Klage gegen die Entscheidung beim Finanzgericht Münster eingelegt und gegen den Bescheid Einspruch eingelegt.
Der Einspruch war erfolgreich- die Klage haben wir trotzdem aufrecht erhalten.

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Was hat uns geholfen?

Als eines der ersten Kickstarter Projekte aus Deutschland (zum damaligen Zeitpunkt das erfolgreichste) konnten wir als deutsches Unternehmen selbst kein Kickstarter Projekt in den USA anmelden.
Deshalb hat eine US-Firma das Kickstarter Projekt durchgeführt und wir haben vertraglich festgelegt, dass wir die vollständige Abwicklung des Projekts
(Produktion, Versand, Kommunikation) übernehmen, wofür wir von der US-Firma den Großteil der eingenommen Summe erhalten haben.
Das Finanzamt musste uns daraufhin zugestehen, dass für die Gewinnermittlung die Bildung von Rücklagen für die Ausführung des Auftrags sehr wohl von der erhaltenen Vorauszahlung (im wesentlichen die per Crowdfunding eingesammelten Gelder) abzuziehen ist- wodurch sich sowohl Gewerbe- als auch Körperschaftssteuer erübrigen, da sämtliche Einnahmen (und mehr) investiert wurden. Dennoch sind wir uns sicher, dass wir auch ohne unseren Sonderfall im Recht sind. Andernfalls wäre uns eine Betrugsabsicht zu unterstellen (keine Auslieferung der zugesagten Produkte), wobei auch hier fraglich ist, auf welchem Wege betrügerisch erzielte Einnahmen in Deutschland korrekt zu versteuern sind.

Schwieriger wird der Fall, wenn eine Firma tatsächlich nicht mehr in der Lage ist, die Produkte auszuliefern und alle Einnahmen verbraucht sind:
Das Finanzamt sähe sich bestätigt und würde von einem zu besteuernden Gewinn durch erhaltene Einnahmen ohne Gegenleistung ausgehen, auch wenn
die Einnahmen (in diesem Fall ergebnislos) in die Produktion geflossen wären.
Wie es dann mit der Entschädigung der Kunden aussieht, steht auf einem anderen Blatt.

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Warum wir die Klage aufrecht erhalten haben?

Eher aus Prinzip- Wir sehen nicht ein, dass ein Start-Up, das sich aus Crowdfunding finanziert steuerlich schlechter gestellt werden soll, als "normale" Unternehmen, die sich einen Kredit bei der Bank oder sonstwo holen.

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Was kann der Crowdfunder tun?

1. Ignorieren und auf andere Einstufung seines Finanzamts hoffen (Kann- muss aber nicht gutgehen- insbesondere wenn andere Finanzämter mangels Rechtsgrundlage unseren Fall jetzt als Vorlage verwenden. Hinweis: Für uns ist
das bislang nur durch einen Sonderfall (s.o.) zu unseren Gunsten gelaufen- die Rechtsauffassung des Finanzamts würde nur gekippt, wenn unsere Klage erfolgreich ist).

2. Im "Ernstfall" auf unsere laufende Klage beim Finanzgericht Münster verweisen (Meine Empfehlung, da es 1. eine Verschnaufpause bedeutet und 2. wir mit sehr großer Wahrscheinlichkeit gewinnen werden)

3. Bei einem neuen Crowdfundingprojekt ein Geschäft zwischen zwei Firmen vertraglich fixieren: Firma1 ("Crowdfunder") beauftragt Firma2 mit der Abwicklung des Projekts - und bezahlt diese Leistung bereits im Jahr der Crowdfunding-Einnahme.
Dadurch hat Firma1 nur noch die noch verbleibenden Gewinne zu versteuern (falls welche zu erwarten sind) und Firma2 erhält zwar eine große Vorauszahlung, die aber nicht aus dem fürs Finanzamt "anrüchigen"
Crowdfunding sondern aus einem B2B-Geschäft stammt und somit steuerlich "normal" mit Gewinnrealisierung zum Erfüllungszeitpunkt (hier Auslieferung) zu behandeln ist.

4. Im Zweifelsfall ein Crowdfunding Projekt immer zu Jahresbeginn enden lassen und innerhalb eines Jahres ausliefern.

5. Bitte nicht bei uns wegen Beratung anfragen. In den letzten Jahren habe ich schon zu viele Anfragen zum Thema Crowdfunding beantwortet, und werde auch von der heimischen Wirtschaftsförderung immer wieder als Anlaufstelle genannt- kann das aber zeitlich nicht leisten.

6. Rechtsexperten/ Steuerexperten auf das Problem hinweisen- Es scheint hier eine Lücke zu geben, die kaum einem bewusst ist.

! Alle Tipps und Infos sind ohne jegliche Gewähr und sind möglicherweise auf andere Projekte in dieser Form nicht anwendbar. Allerdings haben wir bei uns diversen anderen Projekten umgehört, die Einnahmen im 6-stelligen Bereich erzielt haben und bislang noch nicht wissen, wie die Besteuerung in ihrem Fall aussehen wird.

Erstaunlich ist auch, dass es reihenweise Artikel zum Thema Crowdfunding in Deutschland gibt aber offensichtlich noch keine ausreichende Rechtsgrundlage zur Besteuerung besteht.
Von Bedeutung könnte nun sein, dass wir mit unserem Projekt "Magnic Light" aus dem Jahr 2012 unfreiwillig Vorreiter für Deutschland sind - und sich je nach Ausgang unseres laufenden Verfahrens Finanzämter in anderen Fällen anschließen dürften.

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